Studieren – nur für Reiche?

Die Presse schreibt es immer wieder: Die überwiegende Anzahl von Studenten sind Kinder aus Akademikerfamilien. Wen wunderts? Man muss über das Thema nicht stundenlang recherchieren, der ganz normale Sachverstand kann alles erklären.

Als ich 2001 in Tübingen mit dem Biologiestudium angefangen hatte, waren von den ca. 200 Ersties weniger als 20 Ausländer. Fast alle anderen waren Deutsche. Ich glaube, ich kann sicherlich Vielen aus der Seele sprechen, aber ich hatte ehrlich gesagt schon auf dem Gymnasium Schwierigkeiten, die Mitschüler zu verstehen. Während in deutschen Familien über Politik, Steuer, Versicherungen gesprochen wurde, wird in vielen Familien der sozialen Unterschicht versucht über die Runden zu kommen.

Fast alle anderen Ersties wussten schon, was im Studium auf sie kommen wird. Die Eltern oder Verwandten haben über die Jahre immer wieder von ihren Studienjahren erzählt, so dass sie bereits eine gute Vorstellung davon hatten.

Zu Hause sahen sie von klein auf, wie die Eltern Bücher lasen, Nachrichten sahen oder im Urlaub Englisch oder Französisch sprachen. Beim Essen war klar, was ein Rotweinglas ist und was ein Weissweinglas.

Kinder aus Akademikerfamilien sahen schon immer, welche Vorteile Bildung bringt. Es erweitert wortwörtlich den Horizont und ermöglicht beispielsweise Urlaub in fremden Ländern, deren Sprache man sogar sprechen kann oder sich auf Englisch verständigt. Ausländer machen in der Regel nur Urlaub in ihren Heimatländern, wo sie die Sprache sprechen und trauen sich nicht mehr – leider.

Wenn man versucht über die Runden zu kommen, macht es auf jeden Fall einen Unterschied, ob man studiert und dafür Geld aufbringen muss oder ob man in der Firma eine Ausbildung macht, die in drei Jahren noch mehr Geld nach Hause für die Familie bringt.

An dieser Stelle möchte ich allen Lesern aus der sozialen Unterschicht (das ist der offizielle Begriff) Mut machen, ein Studium trotzdem aufzunehmen. Ich kann euch jetzt schon sagen, dass sich ein Studium nur in wenigen Studienrichtungen finanziell auszahlen wird. Überlegt mal: Ein Fließbandarbeiter bei großen Autoherstellern oder in der chemischen Industrie erhält (je nach Schichtwechseltätigkeit und Gefährdung) zwischen 1.700€ und 3.200€ netto (z.B. 3-Schicht in der Gießerei). Arbeitest Du dagegen als Sozialwissenschaftler erhältst Du wahrscheinlich zwischen 1.300€ und 1.700€ netto. (Für die Ausbildung=Studium musste man sogar zahlen und hatte jahrelang einen Verdienstausfall.)

Wie schon gesagt, lohnt sich finanziell ein Studium nicht immer. Wieso rate ich dann trotzdem zu einem Studium? Es geht nicht nur ums Geld. Das hört sich zwar zynisch an, wenn man gerade keines hat, aber es ist wahr. Wenn Du aus der sozialen Unterschicht kommst, was machen die meisten aus Deinem Umfeld mit ihrem Geld? Beispielsweise wird Geld in Statussymbole gestecken, z.B. ein teures Auto gekauft, getuned und nach einigen Monaten merkt man: „Wow, der Unterhalt ist echt mehr, als ich dachte.“ Selbstverständlich wird auch viel Geld für völlig sinnloses ausgegeben, wie teure Smartphones (von denen man nur 2–3 Funktionen nutzt), Markenklamotten (bei denen außer dem Namen auch nicht viel anders ist, als bei vergleichbarer Kleidung) und Cluburlaube (bei denen man nichts vom Land mitbekommt). Was bleibt hier von dem vielen Geld übrig? Selbst wenn sich jemand aus der sozialen Unterschicht eine Immobilie kaufen wird, kann ich schon jetzt sagen, dass er dafür sicherlich mehr Geld ausgeben werden, als ein Studierter.

Nein, beim Studium geht es um viel mehr als nur um Geld. Es geht um Bildung. Bildung lässt Dich vorhersehen, dass ein Gegenstand (Auto) an Folgekosten mit sich bringen wird. Und wahrscheinlich wirst Du Dein Smartphone für mehr nutzen, als nur Facebook und WhatsApp, z.B. für Lernprogramme, Nachrichten lesen, Terminverwaltung … Und auch im Ausland wirst Du mutig genug sein, Dich als Rucksacktourist tief ins Land vorzuwagen und die heimische Sprache anzuweden. Beim Immobilienkauf steht die Tilgung des günstigen Kredites an erster Stelle, denn jeder getilgter Euro spart etliche Euro Folgekosten. Natürlich war der Kredit dank umfangreicher Vergleiche und unabhängiger Beratung das aktuell beste Angebot auf dem Markt.

Die Vorteile von Bildung haben oft nicht direkt etwas mit Deinem Studiumgang zu tun, sondern mit „Studieren“. Du musst Dich in ein unbekanntes Thema einarbeiten, es verstehen und anwenden. Wenn Du das verstanden hast, kannst Du diese Grundlagen auf alles mögliche im Leben übertragen: Angefangen beim Autokauf, bis hin zum Handyvertrag, bei dem Du erkennst, dass es günstiger ist einmalig 180€ fürs Handy zu zahlen und monatlich 20€, statt von Anfang an 30€ im Monat.

Ein Studium erweitert Deinen Horizont, lässt Dich vieles von einem neuen Blickwinkel her betrachten und bringt Dich charakterlich weiter!

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